Titelfoto: Event zum “Tag des Kindes”

 

Nachdem Mia (Name geändert) das erste Mal (siehe hier) notfallmäßig bei uns aufgenommen wurde, muss sich die Nachricht wie ein Lauffeuer im Armenviertel verbreitet haben, obwohl es eigentlich ein Geheimnis bleiben sollte. Zu unserem darauffolgenden Kinderprogramm erschien kein einziges Kind aus diesem Viertel, und das, obwohl sie vorher voller Begeisterung kamen und sogar einen 20-minütigen Fußmarsch in Kauf nahmen, um an unserem Kinderprogramm teilzunehmen. Da saßen wir nun “mit unserem Talent” – vor leeren Stuhlreihen. Hatten wir unweise gehandelt, als wir Mia bei uns Sicherheit boten? Setzten wir damit die beiden neu entstandenen Kinderprojekte aufs Spiel?  

Einheimische rieten uns erst einmal die Füße still zu halten und abzuwarten. Es sei normal, dass die Community anfangs geschlossen hinter einer Familie aus ihrem Viertel steht und uns erst einmal beobachte. Doch wichtig sei, dass sie erleben, wie wir uns für die schutzlosen Kinder stark machen, wann immer es nötig ist. Dieses Schweigen würde nicht allzu lange anhalten, zumal im Viertel allgemein bekannt war, was Mia in ihrer “Familie” durchmacht. Unsere Unterstützung für die Kinder der Community sei zu wertvoll, als dass sie uns langfristig ablehnen würden. 

Auch in der folgenden Woche blieb die Teilnahme der Kinder aus. Wieder saßen wir vor leeren Stühlen, und es war schmerzhaft zu beobachten, wie selbst die vermeintlichen Geschwister von Mia nicht mehr zum Nachhilfeunterricht kamen.  Sie durften die Chance nicht verlieren, Lesen und Schreiben zu lernen, nur weil wir Mia aus ihrer Notsituation helfen wollten. Nach einem Besuch bei Mia´s “Familie”, begann sich das Blatt glücklicherweise langsam zu wenden. In der dritten Woche kamen zunächst vier Kinder, dann nach und nach alle zurück – genauso wie die Geschwister zum Nachhilfeunterricht. 

Welche Erleichterung! 

Diese Erfahrung lehrte uns, wie wichtig es ist, weise, einheimische Ratgeber zu haben, um kulturelle Verhaltensweisen richtig einordnen und angemessen reagieren zu können. Zugleich wurde uns aber auch wieder ganz neu bewusst, welch heikle Gratwanderung es in unseren Projekten immer wieder geben konnte, einerseits einem einzelnen Kind in extremer Not beizustehen, andererseits nicht das Vertrauen der gesamten Community zu verlieren und damit das Kinderprojekt zu gefährden.  

Auch wenn es nicht immer einfach für uns ist, so ist es doch ein großes Vorrecht diesen Kindern LAW (Liebe / Annahme / Wertschätzung) und Hoffnung auf Lebensveränderung zu bringen und ihnen auch eine Stimme zu geben, wo es nötig ist.